Merkt eigentlich niemand, dass ich den Schreibtisch ständig so voll mit Arbeit habe, dass ich kaum noch weiß, wo mir der Kopf steht?
Die in aller Regel zutreffende Antwort auf diese Frage lautet: Nein, das merkt niemand - oder noch präziser: das ist vielen sogar ganz recht.
Mitunter merkt es ein:e Vorgesetzte sehr wohl, ist aber gemäß der eigenen Interessen und Nöte gezwungen, die wichtigen Jobs und Aufgaben dort zu platzieren, wo sie pünktlich, korrekt und qualitativ einwandfrei umgesetzt und erledigt werden.
In der Folge werden die zuverlässigsten und fleißigsten Mitglieder eines Unternehmens weitaus mehr und intensiver in Anspruch genommen. Der Effekt verstärkt sich noch, wenn diese Menschen besonders duldsam, freundlich und ruhig sind, dann werden Freundlichkeit und Stille vom Umfeld nur allzu gerne als Zustimmung ausgelegt.
Das einzig funktionierende Regulativ und Korrektiv, um so einen Teufelskreis zu durchbrechen und damit die langfristige Erhaltung von Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit zu gewährleisten, ist das klare "Stop" bzw. "Nein" des/der - im Sinne des Wortes - Leid-Tragenden. Es ist (leider) ebenso utopisch wie illusorisch, dass uns andere in dieser Situation wohlwollend zur Hilfe eilen oder unsere Ressourcen schonen. Genau daher ist es so wichtig, die eigenen (Leistungs- und Kapazitäts)Grenzen nicht nur genau zu ergründen, sondern bei deren Erreichung auch eine ganz klare Haltung einzunehmen und zu kommunizieren, dass ein Mehr an Arbeit ab diesem Punkt einfach nicht mehr geht.
Dieser Schritt kostet einiges an Überwindung und fällt besonders jenen schwer, die sich bereits seit Jahren immer wieder neue Päckchen haben aufladen lassen. Wenn sich das Umfeld erst einmal daran gewöhnt hat, jedes zusätzliche Päckchen auf eurem Rücken abladen zu können, werden die ersten Reaktionen auf ein "Nein" vermutlich irritiert, verständnislos und unangenehm ausfallen, aber letztlich ist es auch im Sinne des gesamten Teams, gute Ressourcen langfristig zu erhalten.
Es wird sich niemals ganz vermeiden lassen, dass einige Packesel etwas mehr tragen als andere - dies liegt in der Natur der Sache -, aber lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass das (Miss)Verhältnis zwischen stark bepackten und weniger stark bepackten Menschen in einem Team nicht allzu absurd ausfällt.
Ich wünsche allen treuen, zuverlässigen und starken Packeseln dort draußen, dass sie ihr liebevolles und klares "Stop" bzw. "Nein" finden. Viel Erfolg dabei.
P.S.: Der Begriff Packesel ist in diesem Text keinesfalls (ab)wertend gemeint, sondern greift lediglich die altbekannte Metapher auf.
P.P.S: Ich war selbst viele Jahre lang ein Packesel, wie er in diesem Text beschrieben steht.




