Erfahrung ist Rohstoff, kein Endprodukt. Nur weil ich eine Erfahrung gemacht habe, heißt noch lange nicht, dass ich daraus Erkenntnisse gewonnen, Fähigkeiten entwickelt oder ein tieferes Verständnis für etwas abgeleitet habe.
Allzu viele - insbesondere in meiner Branche - gehen viel zu leichtfertig davon aus, dass die Erfahrung selbst bereits den Experten formt. Ein ziemlich fataler Irrtum.
Der Depressive wird nicht automatisch zum Experten für Depression, ebenso wenig wie der Alkoholiker zum Experten für Sucht oder der Traumatisierte zum Experten für Traumata wird.
Den wahren Experten zeichnet aus, dass er sich weit über die Grenzen der eigenen Erfahrung hinaus mit (s)einem Thema befasst, den Blickwinkel und Horizont anderer Menschen miteinbezieht und - im günstigsten Falle - niemals müde wird, weitere Facetten und Aspekte zu entdecken.
Es ist eine schöne Motivation, die eigenen Erfahrungen dazu einsetzen zu wollen, andere Menschen zu unterstützen oder vor Schaden bewahren zu wollen, aber dies muss stets mit Augenmass getan werden - und in dem Bewusstsein, dass das Leben anderer Menschen anders ist. Die Erfahrungen, Bedürfnisse, Hintergründe und Heilungswege von zwei Depressiven können sich ebenso eklatant voneinander unterscheiden wie die von zwei Alkoholikern oder Traumatisierten. Genau dies gilt es stets im Blick zu behalten, wenn Hilfe und Unterstützung angeboten wird.




