Du oder Sie - über eine Diskussion, die es nicht bräuchte

Es ist eine Diskussion, bei der ich mir ein leicht resigniertes Augenrollen inzwischen nicht mehr verkneifen kann - die leidige Debatte darum, wie (un)angemessen das Du und wie unlocker das Sie ist.

Warum zum Geier dürfen Du und Sie nicht friedlich nebeneinander coexistieren, wo es doch so viele schöne Gründe und Argumente für das eine wie für das andere gibt.

Meinen Mentor habe ich zwei Jahrzehnte lang gesiezt, aus einem tiefen Gefühl der Verehrung und des Respekts heraus, aber das Sie kann auch eine schützende Distanz wahren, wenn sich das Du einfach (noch) nicht richtig anfühlt.

Das Du hingegen kommt längst nicht immer so persönlich und vertrauensvoll daher, wie es in der Pro-Du-Propaganda dargestellt wird. Ein Chef kann mich im Du ebenso herzhaft zusammenfalten und kleinmachen wie in der Sie-Form. Das Du verschafft mir hier keinerlei Vorteile oder Sicherheiten, ebenso wie ein Sie nicht automatisch kühler und unverbindlicher sein muss.

Zwischen zwei Menschen geht es zunächst einmal um das Wohlfühlen und um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und Werte. Wenn ich jemandem begegne, der ein Bedürfnis nach dem Sie hat, ist das für mich genauso legitim und in Ordnung wie jemand, der mich gerne mit Du anspricht und auch selbst gerne geduzt werden mag. Und egal wie diese Weiche auch gestellt wird, sie sagt nichts darüber aus, welche Tiefe und Bedeutung diese Verbindung für mich jemals erreichen kann.

Geht es in der Diskussion um das Sie und das Du nicht einfach nur darum, anzuerkennen, dass es hier keine absoluten und allgemein gültigen Wahrheiten gibt? Dass jeder Mensch seine persönlichen Vorlieben und Beweggründe hat und dass genau dies auch so sein darf, ohne dass daraus sofort eine Irritation oder ein persönlicher Affront abgeleitet wird? Ich bin ja auch nicht beleidigt, wenn jemand Tee anstelle von Kaffee bevorzugt.

Die Du-oder-Sie-Frage ist eine schöne Gelegenheit, anderen Menschen Raum zu geben, Empathie zu üben und sich darüber klar zu werden, dass nicht alles zu einer Grundsatzdebatte werden muss. Warum die Dinge nicht einfach mal dorthin zurückführen, wo sie leicht und vor allem unbeschwert sind? Eine - im Sinne des Wortes - schöne Spielart der Kommunikation, die nichts weiter tut, als ein bisschen Farbe, Abwechslung und Würze in unser Miteinander zu bringen.